Arbeits(Welt)verständnis
Immer häufiger beschweren sich Menschen, die Arbeitswelt und ihre Bedingungen rauschten rechts und links an ihnen vorbei und sie blieben rat- und übersichtslos auf der Strecke. Obwohl sie doch ‘eigentlich’ alles richtig gemacht haben. Wissen angesammelt. Formeln verstanden. Immer hart gearbeitet. Analysiert. Im Ausland gewesen. Mit Kennzahlen jongliert. Sprachen gelernt. Projekte betreut und gesteuert. Im Großen und Ganzen geht es doch darum, Wissen zu erwerben, es dann anzuwenden und hm, hin und wieder was aufzufrischen – oder etwa doch nicht?
Im Berufsleben braucht es mehr als ein Gehalt, um zufrieden zu sein. Rein mechanistische Weltbilder werden abgelöst. Ein Arbeitnehmer ist mehr als der “Produktionsfaktor Mensch”.
Was ist mit den anderen Dingen, die uns Menschen so unverwechselbar machen: Motivation, Empathie, Spontanität, Kreativität, soziale Kompetenz?
Warum werden diese Dinge immer wichtiger in der Berufswelt? Warum feiert ein Buch wie EQ – Emotionale Intelligenz solche Erfolge? Warum wird “Kreativität” in Stellenanzeigen immer häufiger verlangt – und nicht nur bei den sogenannten kreativen Berufen, sondern auch bei Berufsbildern wie “Physiotherapeut”, die ein Außenstehender nicht direkt mit dem Wort “kreativ” verbindet?
Und, vor allem: Warum sollte ein Bewerber sich dessen bewusst werden?
1. Um der Verlagerung des Arbeitsplatzes ins Ausland zuvorzukommen. Standardisierte Arbeitsabläufe lassen sich leicht ins Ausland (mit niedrigerem Lohnniveau) verlagern. Zu diesen Arbeitsabläufen gehört zum Beispiel das Montieren von Dingen oder auch Standardprogrammierungen, Standardbüroanwendungen und und und. “Your man in India” erledigt solche Dinge bei gleichbleibender Qualität zu einem Viertel der hier üblichen Kosten. Betroffen sind nicht nur Programmierer und Arbeiter sondern alle, deren Arbeitsleistung nicht von Kreativität und Individualität bestimmt wird. Darunter fallen auch Arbeiten im Back-Office, am Fließband, in der Bank und zum Beispiel auch das Erstellen standardisierter Berechnungen.
2. Damit der Arbeitsplatz nicht ohne weiteres von einem Computer übernommen werden kann. Nicht zu glauben, was diese Rechenknechte so alles können! Einfache Dienstleistungen wie Fahrkartenverkauf werden schon lange von Automaten übernommen. Neuster Aufrege-Automat: Packstationen! Aber auch bei komplexeren Arbeiten werden die Abläufe immer mehr standardisiert. Über das Internet ein Hotel buchen, am Hotelcomputer ein- und auschecken – kein Personal nötig! In Banken greift durch Geldausgabeautomat, Kontoauszugsdrucker und Kundenterminal das Prinzip der bedienten Selbstbedienung um sich und Supermärkte liebäugeln schon seit langen Jahren mit der Idee, Kunden selbst die Waren abscannen zu lassen um so Kassiererinnen einzusparen. Das Finanzamt möchte die Steuererklärung elektronisch, die Zahlen dazu ermittelt man mit einem Einkommensteuerprogramm. Der Steuerberater schaut in die Röhre beim Massengeschäft Einkommensteuererklärung für Privatleute. Selbst früher einmal komplexe Aufgaben wie Kreditvergaben in den Kreditabteilungen erfolgen über wiederum standardisiertes Scoring. Dieses Scoring ist so sehr standardisiert, dass man irgendeinen Nicht-Banker sozusagen von der Straße hereinziehen, ihm den Bogen in die Hand drücken und ausfüllen lassen kann und anhand dieses Bogens dann die Kredite vergeben. Oder auch nicht.
Daraus folgt: Standarddienstleistungen, die Menschen ausgeführt und mit denen nicht schlecht verdient wurde, fallen weg. Immer mehr wird etwas Besonderes von den Leistungsanbietern verlangt. Es gilt, Leistungen anzubieten, die nicht standardisiert werden können. Gegenüber Kunden (in allen Bereichen) wäre das z. B. eine kompetente, freundliche, auf den Kunden zugeschnittene Beratung. Damit erzeugt man Kundenbindung. Kundenbindung drückt sich nicht in Zahlen, Daten und Fakten aus. Es ist ein Mehrwert, der nicht standardisiert werden kann.
3. Damit die zunehmende Sattheit keinen Streich spielt.
Gebrauchsgüter unterscheiden sich heute nicht mehr grundlegend voneinander. Egal ob nun Kleidung, Küchengeräte oder Autos – ihren Zweck erfüllen sie allemale. Wenn es darum geht, einen Wintermantel zu kaufen, wird mich der von Cecil genau so wärmen wie der von Otto oder Schwab. Auch wird mich ein Golf so gut und sicher wie ein Focus oder ein Clio von A nach B bringen.
Verkaufszahlen hängen nicht mehr unbedingt davon ab, dass ein Kunde etwas wirklich dringend benötigt (z. B. Ersatz für ein Auto, mit dem man die Arbeitsstelle erreichen kann). Es geht wieder um den gefühlten Mehrwert als das schlagende Verkaufsargument. Wieder geht es nicht um rational erklärbare Argumente sondern um “schwammige” Dingen wie Kundenbeziehung und Emotion.
Eigentlich kann jeder hier satt und zufrieden sein, verglichen mit dem, was einem Großteil der Weltbevölkerung zur Verfügung steht. Dort gilt ein Dach über dem Kopf und mehr als eine Mahlzeit am Tag schon als äußerst erstrebenswert, dagegen macht man sich hier bei uns Gedanken darüber, ob ein zweites Auto, ein Handy für den 6jährigen Nachwuchs, ein zweiter Computer angeschafft wird.
Viele Menschen stellt diese Haltung vor emotionale Probleme. Man erkennt es an der Zunahme der Ratgeberliteratur, an der zunehmenden Anzahl angebotener Yoga-Kurse für alle Altersstufen vom Kleinstkind bis zum Senior, am großen Zulauf der Kirchentage.
Hinzu kommt der demografische Wandel. Unsere Gesellschaft wird immer älter und damit mehrt sich der Anteil der potentiellen Kunden, die “schon alles haben”.
Es wird also immer deutlicher: Die Zukunft liegt in Berufen, die sich durch die unmittelbare Nähe zum Kunden auszeichnen (Handwerk, Medizin) oder zu deren Ausübung ein ausgeprägtes Verständnis unserer Kultur erforderlich ist (Können indische Werbeagenturen den deutschen Kunden erfassen? Kunst am Bau: Wie fremd ist sie uns jetzt? Wie fremd wäre uns außereuropäische Kunst? Wie verhält es sich mit Filmen und Theaterstücken? Wie gut verstehen wir Europäer die Peking Oper?). Auch alle Arbeiten, die davon abhängen, dass mehrere Menschen gleichzeitig vor Ort im Team arbeiten (Filmproduktionen) haben Zukunft.
Die Arbeitnehmer müssen in der Lage sein, sich ständig auf neue Situationen einzustellen. Dazu braucht es nicht nur Wissen sondern ein gerüttelt Maß Empathie.
Berufe, in denen immer gleiche Abläufe dominieren, die sich in klare Aufgaben unterteilen lassen und für die die direkte Kundennähe nicht entscheidend ist, sind von Verlagerungen deutlich betroffen. Sei es nun der Inder, der Software programmiert oder Büroaufgaben erledigt, sei es die Autoproduktion, die ins Ausland verlagert wird oder auch das Call-Center in Leipzig, das Kölner Kunden anruft. Übrigens: In den USA erledigen immer häufiger Strafgefangene diese Call-Centeraufgaben.



